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Interview Uwe Knop zur Ernährungswissenschaft

Autor: Tobias / vom 1. März 2015

 

Uwe Knop ist Diplom-Ökotrophologe (Ernährungswissenschaftler) und Autor der Bücher "Hunger & Lust" und "Esst doch, was ihr wollt". Er hat sich die letzten Jahre intensiv mit der Frage beschäftigt, welche Erkenntnisse der Wissenschaft uns helfen können, gesünder zu essen. Denn in Zeiten permanenter Selbstoptimierung steht auch das Thema Ernährung im Fokus. Dabei versuchen viele Menschen anhand von wissenschaftlichen Erkenntnissen Anhaltspunkte für eine gesündere Ernährung zu finden. Kann das funktionieren?

 

 

Stetter: Ich würde gerne verstehen, welcher Lebensumstand Sie dazu gebracht hat, sich mit dem Thema Ernährungswissenschaft zu beschäftigen? 

Knop: Ich esse und genieße gerne, also dachte ich mir damals, 1994, „Ernährungswissenschaft ist doch genau das passende Studium“. Nur leider erklärten die Professoren seinerzeit in keiner Vorlesung, dass es keine Beweise für irgendeine Ernährungsregel gibt und auf welch´ schwachen Daten unsere Erkenntnisse zu „gesunder“ Ernährung basieren. Dieses Grundwissen muss man sich danach selbst aneignen. Als ich mehr als zwei Jahrzehnte später dann im wahrsten Sinn „die Schnauze voll hatte“ von der omnipräsenten Ernährungspropaganda zu gesunden und ungesunden Lebensmitteln, da habe ich mein Wissen in HUNGER & LUST zusammengefasst – mit dem Ziel, dass jeder Leser nach Lektüre des Buches die perfiden Mechanismen der Ernährungslobby durchschaut und als mündiger Essbürger selbst bewusst entscheidet: Glaube ich weiterhin an frei erfundene Regeln zu gesunder Ernährung oder vertraue ich doch lieber auf meinen eigenen Körper?

 

Uwe Knop Ernährungswissenschaftler Buchtitel 

 

 

Stetter: Wie entstehen die Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft?

Knop: Fast das gesamte Wissen zur „gesunden“ Ernährung basiert auf sogenannten Beobachtungsstudien. Diese Studienform hat ein ganz gravierendes Handicap: sie kann keine Ursache-Wirkungs-Beziehung liefern (Kausalitäten), uns also nicht sagen „mach dieses, dann passiert jenes“. Genau das aber wird ständig gemacht. Jeder kennt die zahlreichen Aufforderungen wie „Esst mehr Obst und Gemüse, verzehrt weniger rotes Fleisch, werdet Veganer und Vegetarier oder verwendet weniger Salz.“ Diese Liste ließe sich beliebig ausdehnen. Fakt ist, es existieren für diese Aussagen – wenn überhaupt – lediglich statistische Zusammenhänge, sogenannte Korrelationen, die nur Vermutungen und Hypothesen erlauben, sonst nichts. Als Beispiel, stark vereinfacht: In einer Studie fand man die Korrelation, dass Bananenesser am längsten leben – daraus wird dann die Kausalität gestrickt „Bananen verlängern das Leben.“ Ob nun Bananen oder Ballaststoffe da stehen, das ist egal. Das Schema ist das gleiche. An diesem Beispiel kann jeder schnell nachvollziehen, dass diese Zusammenhänge weder logisch noch ursächlich sein müssen. Bei Salz, Zucker und anderen „bösen Buben“ werden diese Aussagen dann jedoch mit ordentlich Suggestivpower kausal verpackt, so dass sie ins ideologische Bild passen.

  

Stetter: Gibt es also keinen einzigen wissenschaftlichen Beweis zur gesunden Ernährung?

Knop: Richtig, man muss es klar sagen: Es gibt keinen einzigen Beweis für gesundheitsfördernde oder krankmachende Ernährung. Daher sind die Ernährungswissenschaften in einer „bemitleidenswerten“ Lage, wie es einst sehr passend der Direktor des deutschen Cochrane-Instituts Professor Gerd Antes formulierte. Und da es keine Beweise gibt, sind Beobachtungsstudien auch nicht dazu geeignet, präventive oder therapeutische Empfehlungen abzuleiten. Man kann daraus nur Hypothesen formulieren, die dann in klinischen Studien überprüft werden müssen: randomisiert, doppelblind, plazebokontrolliert. Aber das ist nicht möglich und wird es nie geben. Allein die wichtigste Frage nach Randomisierung der Studienteilnehmer, also wie man diese zufällig in Gruppen aufteilt, ist unlösbar. Man kann ja nicht einfach 10.000 Menschen fünf Jahre lang zu Vegetariern oder Fleischessern machen, nur weil sie für diese Studie in die entsprechenden Gruppen ausgelost wurden. Auch Plazebofleisch auf dem Teller wird es nicht geben. Ein weiterer wesentlicher Schwächefaktor der Ernährungsbeobachtungsstudien ist das Datenfundament, auf  dem die Korrelationen basieren: es sind die eigenen Angaben der Probanden, die niemand überprüfen kann. D.h. wer was, wann, wie oft gegessen und getrunken hat, weiß im Grunde niemand, denn hier wird gerne mal geschummelt.

 

 

 

Stetter: Die Ernährung scheint immer mehr eine Frage der Mode zu werden. Können Sie uns anhand des aktuell beliebten Modetrends Veganismus aufzeigen, wie solche Trends wissenschaftlich angeblich gestützt werden bzw. eben gerade nicht? 

Knop: Jeder Ernährungstrend, egal ob vegan, paleo oder sonstwas, liegt entweder der gleiche Kardinalsfehler zugrunde oder er basiert auf der bewussten Fehlinformation von Lobbyisten und Gurus: Anhand von Korrelationen, häufig nicht einmal statistisch signifikant, werden Kausalitäten abgeleitet und als „Heilsversprechen“ kolportiert. Also wenn in einer Studie beobachtet wurde, dass Vegetarier seltener an Herzinfarkt starben, dann machen die Veggie-Lobbyisten daraus „Vegetarische Ernährung schützt das Herz“. Dass gleichzeitig die Gesamtmortalität in beiden Gruppen gleich hoch ist, wird dann gerne verschwiegen, so z.B. in der EPIC-Oxford-Studie. Aktuell behauptet beispielsweise der VEBU, der Vegetarierbund „Obst senkt das Lungenkrebsrisiko“ - das ist die Krebsart, die bei Frauen am häufigsten zum Tode führt. Derartige Heilsversprechen, die nicht nur wissenschaftlich völlig unhaltbar, sondern auch ethisch-moralisch verwerflich sind, kennt man in der Regel nur von pseudoreligiösen Sekten. 

 

 

Stetter: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung sagt ja sehr konkret, was wir essen sollen. Es gibt die Ernährungspyramide und viele andere Empfehlungen. Wie sind diese Empfehlungen einzuschätzen? 

Knop: Das ist nicht mehr als frei erfundene Prosa. Fragen Sie die DGE doch mal, ob es irgendeinen Nutzennachweis gibt, dass diese Regeln die Gesundheit der Bürger auch nur ein Promille gefördert haben. Da herrscht Schweigen im Walde. Umgekehrt weiß aber auch niemand, ob diese Fantasien zu gesunder Ernährung keinen Schaden anrichten, beispielsweise Verdauungsstörungen oder Orthorexie, der Zwang sich gesund zu ernähren - das ist eine der neueren Ernährungspsychosen.

 

 

Stetter: Wenn wir also keine Anhaltspunkte aus der Wissenschaft bekommen, was ist Ihre Empfehlung? Worauf sollte man achten? 

Knop: Vertrauen Sie auf Ihren Körper. Essen Sie nur dann, wenn Sie echten, körperlich-biologischen Hunger haben und dann nur das, worauf Sie Lust haben, was ihnen lecker schmeckt und was Sie gut vertragen. Spüren Sie dieses wohlige Stöhnen aus der Tiefe des Bauches wieder, wenn Sie Ihre Mahlzeiten genießen. Essen ist Genuss zur Lebenserhaltung, die unser Körper mit wunderbaren Wohlgefühlen belohnt – wenn wir das essen, was der Körper will und nicht das, was der ernährungsapostolisch verseuchte Verstand fordert. Wer an dieser „Intuitiv-Essen-Alternative“ zweifelt, der sollte sich fragen: Wer außer meinem Körper kann wissen, welche Nahrung gut und gesund für mich ist? Ich meine: niemand. Die Wahrheit liegt in jedem einzelnen Körper selbst, denn: Jeder Mensch is(s)t anders.

 

 

Stetter: Was halten Sie von alten Ernährungsvorschriften (Ayurveda, 5 Elemente, abrahamitische Religionen,…), die im philosophischen bzw. religiösen Kontext Ihre Grundlage haben? 

Knop: Hier bekommt man zur Religion gleich eine Ernährungsreligion mitgeliefert. Für Doppelgläubige ideal. Natürlich ist es egal, wo eine Ernährungsideologie ihren Ursprung hat – Beweise für die „heilsbringenden Eigenschaften“ gibt es für keine der zahlreichen Ernährungsformen. Hier dominiert stets Glaube vor Wissenschaft.

 

 

Für Uwe Knop ist also das eigene Empfinden die sogenannte somatische Intelligenz entscheidend. Wir beschäftigen uns sowohl mit dieser als auch mit anderen Ernärungsphilosophien und -ideen in dieser STORY.